Sein Baum Schon von weitem konnte er ihn sehen. Seine Krone ragte weit über die Haselnuss – und Weißdornbüsche und leuchtete durch die weißen Blüten freundlich und einladend im Schein der untergehenden Sonne. Obwohl das Alter dem Mann mittlerweile jeden Schritt erschwerte und er zum Gehen einen Stock brauchte, beschleunigte er nun seinen Gang. Dann stand er endlich vor ihm – vor seinem Baum. Vieles um ihn hatte sich geändert. Früher stand ein altes Gartenhaus neben ihm, welches seinen Eltern gehörte. Heute war es längst abgerissen, weil die Gemeinde vor vielen Jahren das Grundstück kaufte und einen großen Park anlegte. – Der Baum aber stand immer noch da – und unter ihm eine Parkbank, die so aussah, als sei sie vor kurzer Zeit frisch gestrichen worden. Er setzte sich auf die Bank. Als eine Lindenblüte in seine Hand fiel, nahm er sie auf und roch an ihr. Der Geruch erinnerte ihn an den Tee, den er in seiner Kindheit oft bei Erkältungen getrunken hatte. Er nahm seine Mütze vom Kopf und genoss mit geschlossenen Augen den lauen Abendwind. „Wie friedlich es hier ist“, dachte er und eine Geschichte, die sein Vater ihm so viele male erzählt hatte, kam ihm ins Gedächtnis. An seinem 3. Geburtstag machte er mit ihm einen Spaziergang durch den Wald. Als er ihm die Frage stellte, wo die großen Bäume herkämen, nahm sein Vater ihn bei der Hand und zeigte ihm einen winzigen Baumsprössling. „Mit den Bäumen ist es wie mit den Menschen. Sie entstehen, sind winzig klein, wenn die Umstände stimmen, können sie Wurzeln fassen und sich entwickeln. Irgendwann haben sie eine Höhe erreicht über die sie nicht mehr hinauswachsen können – dann gewinnen sie an Stärke. Ihr Stamm und die Äste werden kräftiger, die Krone gewinnt an Schönheit und sie können die besten Früchte tragen.“ Sie zogen den kleinen Sprössling aus dem Boden und trugen ihn behutsam in ihren Garten. Als sie ihn in die Erde pflanzten und schließlich angossen, erklärte sein Vater feierlich: „Das ist nun dein Baum.“ Der alte Mann legte den Kopf in den Nacken, blinzelte in die Krone und ein wunderbares Gefühl beschlich ihn. Dann stand er langsam auf. Als er seinen Baum kameradschaftlich über die Rinde strich, entdeckte er am Boden einige junge Sprösslinge. Er bückte sich und zog vorsichtig einen aus der Erde. „Morgen werde ich mit meinem Enkel einen Baum in unseren neuen Garten pflanzen,“ flüsterte er leise und machte sich wieder auf den Heimweg. Margret Netten zurück zur Gesamtübersicht |