Die Wasserfee im alten Brunnen Mit ein paar flinken Handgriffen räumte Michael ein paar Förmchen in den kleinen roten Eimer und klopfte Pelzgesicht den Sand aus der Hose. Pelzgesicht ließ die ganze Prozedur geduldig über sich ergehen – sagen konnte er ohnehin nichts, er war ja nur ein Plüschbär. „Was ist mit deinem Ohr los? Ich fürchte, den Schmutz kann ich gar nicht abbekommen – da hilft nur ein Bad. Komm, ich werde dich am Brunnen waschen.“ Fürsorglich nahm Michael seinen Bären in den Arm und trug ihn zum Brunnen, der unter einem riesigen Baum am Ende des Dorfplatzes stand.Vorsichtig tauchte er Pelzgesichts schmutziges Ohr ins Wasser. Dann setzte er ihn auf dem Rand des Brunnens ab und rieb das Bärenohr in seiner Hand. Als Michael sich wieder über den Rand des alten Sandsteinbrunnens beugte, um mit der Hand ein wenig Wasser nachzuschöpfen, hielt er inne und schaute in das klare, stille Wasser. Hoch über ihm stand die Sonne strahlend und hell, und so konnte er sein Spiegelbild erkennen. Er schaute in ein sehr vertrautes Gesicht: „Das bin ich“, dachte er und lächelte sich schelmisch zu. Dann wurde er nachdenklich. Dieses Gesicht – das verschmitzte, schelmische Lachen und die großen blaugrauen Augen, die ihm von der Wasseroberfläche entgegenstrahlten, das war mehr als nur sein Spiegelbild. Ein warmes Gefühl durchströmte ihn, ein Gefühl, das er sehr gut kannte: Es war so, als nähme ihn jemand in den Arm und hielt ihn ganz fest. Und dann wusste er plötzlich, was ihn da so bewegt hatte: Die großen blaugrauen Augen und dieses unverwechselbare Lächeln, das kannte er nicht nur von sich selbst – das kannte er auch von seinem Großvater! Michael lief ihm mit einem male eine große Träne über die Wangen. Sie fiel mitten in sein Spiegelbild. Kleine Kreise bildeten sich auf dem Wasser, die immer größere Ausmaße annahmen und dann in der Unendlichkeit zu versiegen schienen.
„Großvater“, schluchtste Michael leise und die Tränen aus seinen Augen kullerten nun hemmungslos über sein Gesicht und tropften heftig auf die Wasseroberfläche, so dass sich viele, viele Wasserkreise bildeten und sein Ebenbild sich undeutlich in ihnen verlor. „Großvater, wo bist du nur? Ich vermisse dich so sehr. Mama sagt, du seiest in den Himmel gegangen. Warum hast du das gemacht als ich nicht da war? Konntest du nicht auf mich warten?“
Michael wischte sich die Tränen aus dem Gesicht um die Augen seines Großvater wieder im Spiegelbild finden zu können. Das Wasser war immer noch ein wenig unruhig als Michael eine leise und wundersame Melodie hörte. Er schaute Pelzgesicht an – doch dieser saß, vom Wasser triefend und stumm, einfach nur da. Michael rieb an seinen Ohren, aber die Melodie war immer noch zu hören. – Ganz leise – aber sie war da. Dann schaute er wieder auf ´s Wasser und er konnte seinen Augen nicht trauen! Er blickte nicht in sein eigenes Spiegelbild, sondern in ein hübsches, ein wenig undeutliches Gesicht einer wundersamen Gestalt.
„Hallo Michael, erschrick dich nicht, ich bin eine Freundin.“ Michael konnte nicht glauben, was er da sah und hörte. Er schaute sich noch einmal gründlich um, um sich zu vergewissern, dass niemand in der Nähe war und sich einen Scherz mit ihm erlaubte. Doch als er niemanden sah, nahm er allen Mut zusammen und tippte mit seinem rechten Zeigefinger vorsichtig die Wasseroberfläche an. Das Bild der hübschen, wundersamen Gestalt verschwand in den Wasserkreisen und tauchte schließlich wieder auf. „Ich bin die Wasserfee, lieber Michael, es gibt mich wirklich und du musst vor mir keine Angst haben." "Wieso kennst du mich denn?", fragt Michael staunend. "Wir sind uns doch noch nie begegnet."
Die Wasseroberfläche erzitterte ein wenig. „Ja weißt du denn nicht, dass beim Weinen die Tränen zur Wasserfee wandern. Und in den Tränen sind die Geschichten der Menschen, die sie geweint haben.“
„Du meinst du kannst meine Sorgen in den Tränen erkennen?“ „Ja, kleiner Michael, beim Weinen wandern die Tränen zu mir und ich kann in ihnen alle Geschichten sehen – ich kann Deinen Kummer verstehen. Niemals hast du eine Träne umsonst geweint. Ich hüte die Geschichten, damit sie niemals verloren gehen. Denn auch traurige Geschichten müssen behütet werden, sie gehören zu dir, ebenso wie die schönen.“ „Ja, hütest du denn auch die schönen Geschichten?“ „Nein, das ist nicht meine Aufgabe, sondern die meiner lieben Freundin, der Sonnenfee. Es ist nämlich so, dass die Sonnenfee jedes Lächeln auf der Welt sammelt. Sie sammelt sie mit ihren Sonnenstrahlen auf und bewahrt sie gut. Auch sie kennt dich und sie hat mir schon viele, schöne Geschichten von dir erzählt.“ „Ah, ich verstehe, dann kennst du ja nicht nur meine Schattenseite – sondern auch die Sonnenseite. Sonst müsste es dir ja ziemlich schlecht gehen, vor lauter traurigen Geschichten.“ „Das hast du wirklich gut erkannt und genau so ist es.“ Michael schaute sich nun noch einmal vorsichtig um. Jetzt wusste er, dass er eine neue Freundin gefunden hatte, und es wäre ihm gar nicht recht gewesen, wenn noch jemand von seinen Geheimnissen mit der Wasserfee erfahren würde. Aber niemand war in der Nähe des Brunnens. „Sag´ Wasserfee, dann weißt du auch warum ich hier am Brunnen weinen musste?“ „Sicher weiß ich das – dein eigenes Spiegelbild hat dich an deinen Großvater erinnert, der von euch gegangen ist, als du mit deinem gebrochenen Bein im Krankenhaus lagst.“ „Ja, so ist es, und Mama sagt, er sei jetzt im Himmel.“ „Ich habe deinen Großvater Paul sehr gut gekannt.“ „Was, wirklich? Aber ich selbst habe ihn nie weinen sehen. Oder kennst du ihn nur von Erzählungen der Sonnenfee?“ Wieder erzitterte die Wasseroberfläche ganz leicht. „Sowohl als auch. Ich kenne sehr traurige und sehr lustige Geschichten von ihm. So habe ich zum Beispiel riesige Krokodilstränen von ihm aufgefangen, als er damals ein kleiner Junge war und seinen Roller kaputt gefahren hatte.“ „Tatsächlich, die Geschichte hat er mir auch erzählt. Dann weißt du aber auch, dass sein Papa den Roller wieder mit ihm repariert hat. Stimmt´s?“ „Stimmt, das hat mir dann die Sonnenfee erzählt. Außerdem wusste sie, dass der Roller nach der Reparatur noch schöner als vorher war und dass alle Jungs im Dorf ihn um seinen Roller beneidet haben.“ „Ja, genau - den alten Roller habe ich heute noch. Oh Mann, mit dem werde ich gleich fahren! Darauf freue ich mich jetzt schon richtig und die Geschichte werde ich allen Jungs erzählen.“
Die Wasserfee lächelte ihn sanftmütig an. „Sag, darf ich dich nun öfter besuchen und erzählst du mir dann Geschichten von Großvater Paul?“ „Sicher, du darfst immer kommen, wenn du mich brauchst. Dann unterhalten wir uns über ihn und du wirst sehen, dass die Geschichten dich trösten werden. Du musst dich um ein Andenken an ihn nicht sorgen. Alle Geschichten von ihm und alle Erlebnisse, die du mit ihm hattest, werden von mir und der Sonnenfee gehütet wie ein teurer Schatz. Nichts wird je verloren gehen. Wenn du es geschickt anstellst, kannst du mich auch in deinen Träumen rufen.“ „Du kannst in meine Träume kommen?“ „Ja, das kann ich ziemlich gut, du musst es nur von ganzem Herzen wollen und vor dem zu Bett gehen ganz fest an mich denken.“ „Das will ich ganz sicher machen, und ich finde es sehr schön, dass jemand meine Geschichten hütet, die schönen, aber auch die traurigen. Ach Wasserfee, ich bin froh, dich kennen gelernt zu haben.“ Die wundersame Melodie wurde nun immer leiser und das Bild der Fee im Wasserspiegel immer schwächer. „Musst du nun wieder gehen?“, fragte Michael. „Ich denke schon, es gibt noch so viele Geschichten die ich heute sammeln muss.“ Michael schaute gespannt in den Brunnen und schwieg. „Sag schon, was denkst du“, flüsterte die Wasserfee ihm zu. „Es ist nur, - na ja, ich hätte Opa Paul wirklich gerne verabschiedet.“ „Das verstehe ich, lass mich nachdenken. OK, hör´ zu! Ich werde deinem Großvater einen Gruß mit in den Himmel nehmen. Das kann ich nämlich auch, denn wenn das Wasser verdunstet, steigt es in den Himmel und dann kann ich deine Grüße gleich mitnehmen.“ „Du bist die Größte, liebe Wasserfee, das wäre wirklich wunderbar. Du musst ihm aber die schönsten und besten Grüße mitnehmen, die es auf der ganzen Welt gibt. Abgemacht?“ „Abgemacht!“
Als Michael an einem Morgen in seinem Bettchen die Augen aufschlug, hielt er Pelzgesicht engumschlungen im Arm. Regen klatschte laut und heftig auf die Fensterscheibe. Er schaute Pelzgesicht an. Dessen rechtes Ohr sah ein wenig schmutzig und leicht feucht aus. „Sag mal, hattest du den selben Traum wie ich, oder haben wir beide wirklich die Wasserfee kennen gelernt?“ Mit seinem Teddy unter dem Arm ging er zum Fenster und öffnete es. Im gleichen Moment setzte der Regen völlig aus. Michael glaubt eine leise wundersame Melodie zu hören. „Wow, hast du das gesehen Pelzgesicht?“, staunte er und drückte andächtig seinen Teddy ganz fest an sich. Dann fiel ein ganz dicker Regentropfen Michael mitten auf die Stirn. „Das war sie, Pelzgesicht. Das war die Wasserfee. Ich weiß es ganz genau. Und sie hat Großvater Paul ganz sicher Grüße bestellt.“ Fröhlich zog er sich an. „Aber wir werden keinem etwas davon erzählen, nicht wahr Pelzgesicht? Diese Geschichte bleibt unser Geheimnis. Und nach dem Frühstück werden wir beide draußen spielen, ganz in der Nähe des alten Brunnens.“ Verträumt schaute Michael auf die nasse Straße. „Weißt du was, kleiner Freund: So wunderschön wie heute fand ich den Regen noch nie.“ Margret Netten 
Ausmalbild "Die Wasserfee in alten Brunnen" 
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