Willi will nicht fliegen „Also meine Lieben, ich zähle jetzt bis drei und dann fliegen wir los“, rief Karl, der Pusteblumenflieger in freudiger Erwartung. „Eins, zwei und...“ „Nein, nein, bitte nicht – noch nicht!“ schrie Willi, ein Bruder von Karl und ebenfalls Pusteblumenflieger. Alle anderen Flieger auf der Löwenzahnblüte erschraken und konnten sich im letzten Moment gerade noch zurückhalten. Willi war ein Löwenzahnsamen, der sich nach dem Verblühen der gelben Blüte gebildet hatte, genau wie seine vielen Brüder und Schwestern. Nun schauten alle Willi, dem vor lauter Angst dicke Schweißperlen von der Stirn tropften, mit großen fragenden Augen an. „Ich will noch nicht fliegen, ich habe solche Angst“, flüsterte er und schaute dabei einigen Fliegern von benachbarten Blüten zu, wie sie mit unglaublicher Leichtigkeit über die Wiese schwebten. „Mensch, Willi, das darf doch nicht wahr sein – erst gestern hast du uns alle zurückgehalten und das, obwohl es einen ganz wunderbaren Wind gab. Wir hätten alle sehr weit fliegen können.“ „Ich kann einfach nicht. Wer weiß schon wo wir alle landen werden.“ Willi zupfte verlegen sein Fallschirmhaar zurecht. „Können wir nicht noch ein bisschen bleiben – nur noch bis morgen. Wir könnten uns Geschichten von früher erzählen. Wisst ihr nicht mehr wie schön es im Frühjahr war, als die Blüten alle noch gelb waren und die Wiesen deshalb so wunderschön leuchteten? Erinnert ihr euch noch an die vielen Tiere, die uns besuchten. Wisst ihr noch wie die Bienen den Nektar aufsogen und wie ihre Beinchen beim Bestäuben kitzelten. „Ja, Willi, wir wissen es noch“, murmelten alle im Chor. „Außerdem hast du uns das seit gestern mindestens 50-mal erzählt“, sagte Karl genervt. „Wenn du so weiter machst, müssen wir ohne dich fliegen. Das findet hier sicher keiner gut.“ Plötzlich kullerte eine Träne Willi über die Wangen und Karl nahm ihn in dem Arm. „Na, wenn es gar nicht anders geht, dann fliegen wir beide zusammen. Hoffentlich stürzen wir nicht so schnell ab, schließlich sind wir zu zweit ja viel schwerer – aber fliegen müssen wir.“ Als Willi nun Karl die Hand reichte, begann die ganze Löwenzahnblüte zu erbeben und es war nicht Willi, der dies mit seinem Zittern verursachte. Alle kannten diese kleinen Erdbeben – es waren die Schritte von Kindern, die über die Wiese liefen. Ein großer Schatten machte sich über ihnen breit. „Schau mal die Pusteblumen dort“, hörte Willi ein Kind sagen. Und ein anderes, ein etwas größeres sagte: “Hey, wollen wir mal versuchen alle Flieger wegzupusten? Letztes Jahr habe ich es geschafft, alle mit einem Male davon zu fegen.“ „Das ist also nun das Ende“, dachte Willi und drückte die Hand von Karl ganz fest. Dann setzten sich die beiden Kinder auf die Wiese und das jüngere von ihnen pflückte behutsam einen Blütenstängel einer benachbarten Pflanze ab. “Schau mal – ist das nicht wunderbar? Das ist wirklich nicht zu glauben wie sehr sich die Blüten in den letzten Tagen verändert haben. Jetzt ist aus der gelben Blüte eine Pusteblume geworden. Aber warum ist das nur geschehen?“ Willi war sehr erleichtert, dass das Kind nicht den Stängel, an dem er wohnte, abgepflückt hatte und beobachtete die Kinder nun ganz genau. Das größere Kind sagte schließlich: „Die gelben Blüten haben Platz für Samenkörner gemacht, damit aus ihnen neue Löwenzahnpflanzen entstehen können. Aus jedem einzelnen Flieger dort, wird im nächsten Jahr eine neue Pflanze. Das kann aber nur geschehen, wenn die Samen einen schönen Platz auf der Erde finden. Damit sie nicht alle auf der gleichen Stelle landen, haben sie ein kleines Fallschirmchen – so kann der Wind sie wegtragen und jedes kann sich an einem guten Ort entfalten. So geht es schließlich immer weiter – Jahr für Jahr – das ist der Kreislauf der Natur.“ Das jüngere Kind lachte. „Das ist ja ein richtiges Wunder!“ Nun wurde es Willi ganz warm ums Herz. Bislang hatte noch niemand ihm vom Sinn und Zweck seiner Verwandlung und der Fliegerei erzählt. Aus ihm sollte also eine Löwenzahnpflanze werden. Dann würde er selbst irgendwann einmal viele Blüten haben, auf denen wiederum neue kleine Flieger heranwachsen konnten. "Das ist wirklich ein Wunder – und ich bin ein Teil davon!", dachte er nun ganz stolz. „Ich bin startklar! Jetzt oder nie!“, rief er seinen Brüdern und Schwestern zu. Er ließ Karls Hand los. „Jeder von uns muss diesen Weg alleine fliegen – jeder Einzelne soll die Chance auf eine gute Heimat bekommen.“ Karl zwinkerte ihm zu. „Willi, ich denke, du solltest das Fliegekommando übernehmen.“ Willi wurde rot vor Scham und Freude. Mit feierlicher Stimme sagte er schließlich: „Meine Lieben, es war ein wunderschöner Frühling mit euch! Die Zeit des Fliegens ist nun da. Ich bin bereit, wenn ihr es seid.“ Alle nickten ihm erleichtert zu. „Nun, dann werde ich jetzt zählen: Eins, zwei, drei – FLIEGT!“ Mit einem Male ließen alle Pusteblumenflieger los und ließen sich mit einem leichten Windstoß davontragen. Die beiden Kinder sahen einem Flieger, der ganz besonders hoch flog nach. „Schau mal!“, sagte eines der beiden. „Der konnte es wohl gar nicht erwarten.“ Keines der Kinder konnte auch nur ahnen, dass dies Willi war – der Willi, der eigentlich nicht fliegen wollte. Margret Netten mit freundlicher Genehmigung des Bergmoser und Höller Verlag, Aachen ("Willi will nicht fliegen" ist eine Geschichte aus "meiner" Bausteine Kindergarten, Ausgabe 2/2003, Thementeil: "Auf unserer Wiese blüht etwas" --- alle Rechte der Geschichte: Bergmoser und Höller Verlag, Aachen)
Hier werden "Bausteine" für Kindergärten gemacht!!! NeM demnächst: weitere Info zur kreativen Aufarbeitung dieser Geschichte mit Kindern |